Interview mit Stipendien-Siegerin Steffi

Freiwilligenarbeit-Stipendium: Interview mit der GewinnerinSteffi hat mit ihrem Video die meisten Stimmen eingeheimst und den Wettbewerb um das Freiwilligenarbeit-Stipendium gewonnen. Anfang 2012 wird sie nach Kambodscha fliegen, dort in einem Volunteer-Projekt arbeiten und für uns als Freiwilligenarbeit-Reporterin tätig sein. Vorab hat Steffi uns aber noch einen Besuch abgestattet, und wir hatten natürlich eine Menge Fragen an sie. Hier also das Freiwilligenarbeit.de - Interview mit Stipendien-Gewinnerin Steffi.

 

Hallo Steffi, verrate uns doch am besten ganz zuerst, wie bist du überhaupt auf das Freiwilligenarbeit-Stipendium aufmerksam geworden bist.

Hallo! Das war so: Ich hatte gezielt nach Hilfsprojekten gesucht, bei denen HIV-Waisenkinder unterstützt werden, da es mir ein persönliches Anliegen ist, diesen Kindern Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken. Ich fand ein HIV/Aids-Projekt in Ghana und bin schließlich über einige Links auf das ausgeschriebene Stipendium gestoßen und habe mich entschlossen, am Video Wettbewerb teilzunehmen.

Dein Video hat dann ja auch die meisten Stimmen erhalten … wie bist du auf die Idee gekommen?

Bei meinem Video war es mir ein besonderes Anliegen, Inhalte derart zu präsentieren, dass sie jenseits meiner Persönlichkeit wahrgenommen werden. Die Ziele meiner Arbeit sollten hervortreten und wirken, nicht meine Person. In Japan finden sich oft inmitten der Natur beschriftete Steine (sog. Gedichtsteine), die auf die besondere Verbindung zwischen Gedicht, Lokalität, Geschichte und Natur verweisen. Diese Idee des Zusammenspiels von auf Stein notiertem Gedicht und Umgebung habe ich aufgegriffen und für mein Video vereinfacht übersetzt. Ich suchte nach spannenden Text- und Bildzusammenhängen, die nicht von meiner Botschaft ablenken, sondern diese stattdessen unterstreichen würden und entschloss mich, meine Texte als Teil einer Umgebung zu präsentieren, d.h. Text- und Bildebene weitest-gehend miteinander verschmelzen zu lassen. Ich denke, dass es mir auf diese Weise gelungen ist, die Prioritäten meiner Arbeitsweise zu visualisieren. Denn als Fotografin ist es mein innerer Drang, jenen Menschen, die Ungerechtigkeiten, Schmerz, Krieg, kurz jeder Form von Leiden ausgesetzt sind, ein Sprachrohr zu bieten sowie ihren Geschichten eine Bühne zu präsentieren. Es geht darum, was die Menschen zu erzählen haben und nicht darum, wer ich bin, obgleich meine Person natürlich nicht vollends aus meinen Bildern verschwinden kann, da es sich bei dem durch meine Fotografie präsentierten Fenster zur Welt immer um ein subjektives Fenster zur Welt handelt.

Das Video hat ja sehr vielen Leuten gut gefallen – wie waren die Reaktionen aus deinem direkten Umfeld?

Die Reaktionen auf mein Video waren ausschließlich positiv. Ich denke, ich habe es durch mein Video geschafft, Menschen zu erreichen, meine Botschaft zu vermitteln und diese dabei authentisch und ehrlich zu präsentieren.

Ein großes Ziel des Stipendium-Wettbewerbs war es ja, das Thema Volunteering bekannter zu machen. Ist das aus Deiner Sicht gelungen?

Ich denke schon, dass der Wettbewerb und somit das Thema Volunteering eine große Öffentlichkeit erreicht haben. Wichtig ist jetzt, dieses erste Interesse am Thema Volunteering mit Inhalten zu füllen, mit Bildern und Texten, mit Geschichten und Menschen, damit eine konkretere Vorstellung dafür vermittelt werden kann, was Freiwilligenarbeit bedeutet. Und genau das werde ich auf meinem Blog (www.volunteer-travel.de ) bald tun.

Genau, du wirst ja als Freiwilligenarbeit-Reporterin nach Kambodscha gehen … war für dich Asien, bzw. Südostasien die erste Wahl, oder hättest du noch lieber in einem anderen Teil der Welt Freiwilligenarbeit geleistet?

Der Ort der Freiwilligenarbeit war für mich eher zweitrangig. Mir geht es darum, Menschen zu helfen. Es gibt genügend Länder, die Hilfe benötigen und diese Hilfe zu leisten, ist das wichtigste. Ich bevorzuge dabei keinen speziellen Kontinent, ebenso kein spezielles Land.

Wie bist du denn ursprünglich überhaupt auf das Thema Freiwilligenarbeit bzw. Volunteering aufmerksam geworden?

Durch meine sozialdokumentarische Fotografie beschäftige ich mich schon seit langem mit sozialen Projekten. Für mich geht es dabei nicht nur um empathische Dokumentation sondern ebenso um konkrete Anklage gesellschaftlicher Ungleichheit, um den Wunsch nach politischer sowie sozialer Veränderung und damit um das Helfen. Volunteering ermöglicht mir als Fotografin, über einen längeren Zeitraum zu helfen und gleichzeitig in teilnehmender Beobachtung zu portraitieren.

Wie haben deine Freunde darauf reagiert, dass du als Volunteer ins Ausland gehen willst?

Meine Freunde haben mich alle in meiner Absicht, als Volunteer nach Asien zu gehen, unterstützt. Die Menschen, die mich gut kennen, wissen, dass es mein Lebensinhalt ist, anderen Menschen zu helfen. Dieses Verlangen treibt mich sowohl privat als auch beruflich an. Allerdings ist es nicht leicht, davon den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Stipendium bietet mir hier eine einmalige Möglichkeit, meinen Lebensinhalt des Helfens mit meiner Leidenschaft der sozial engagierten Fotografie zu verbinden.

Und kennst du jemand, der auch schon mal als freiwilliger Helfer im Ausland war?

Eine Freundin von mir aus Australien ist im Bereich Health Education tätig und hat daher schon in vielen verschiedenen Ländern wie z.B. in Indien oder auf den Fidschis gearbeitet. Als freiwillige Helferin hat sie unter anderem auch schon im Kambodscha Waisenkinder betreut. Über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen reden wir oft. Die Betreuung der Waisenkinder in Kambodscha war für sie emotional sehr herausfordernd, aber auf jeden Fall eine wichtige Erfahrung, die sie nicht missen möchte.

Und hast du deshalb ebenfalls Kambodscha als Ziel gewählt?

Auch, aber eher aus anderen Gründen: Kambodscha ist eines der ärmsten Länder der Welt, stark gebeutelt durch jahrhundertelange Fremdherrschaft, durch die von Pol Pot angeführten Roten Khmer, durch wirtschaftliche, politische und soziale Nöte. Die kambodschanische Kultur, ihre sozialen Institutionen sowie Familientraditionen wurden fast vollständig zerstört, ebenso gesellschaftliche Strukturen. Der Zusammenbruch des sozialen Systems betrifft insbesondere die jungen Generationen, da hier Erfahrungen und Unterstützung fehlen, ebenso stabilisierende Einflüsse wie Familie, Anstellung, Rechtsdurchsetzung und soziale Gerechtigkeit. Probleme wie Diskriminierung, Banden, Drogen, Gewalt, Prostitution und AIDS sind somit weitverbreitet und nehmen großen Einfluss auf das Leben der Jugendlichen in Kambodscha. Ich habe dieses Land ausgewählt, um der Bevölkerung, gerade den Jugendlichen und Kindern, zu helfen, ihnen meine Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken. Im Anschluss an meine Zeit in Siem Reap werde ich noch für einige Wochen in der Hauptstadt Phnom Penh sein und dort verschiedenen ”Peace Building Programs” durch meine Hilfe und Zeit sowie meine Fotografie unterstützen.

Du scheinst schon viel zu wissen über Kambodscha. Kannst du noch mehr zu diesem sehr arg gebeutelten, aber auch faszinierendem Land sagen?

Ich habe mich intensiv mit der Geschichte Kambodschas auseinandergesetzt, mit den jahrhundertelangen Kriegen mit Thai und Vietnamesen, mit den jahrzehntelangen Bürgerkriegen, die viele Opfer unter der Bevölkerung hinterließen, mit dem Vietnamkrieg und der schrecklichen Diktatur der Roten Khmer. Die Diktatur der Roten Khmer hat zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Opfer gefordert, die auf furchtbarste Art in etwa 100 Vernichtungslagern gefoltert und hingerichtet wurden. Für diese Grausamkeiten lassen sich kaum Worte finden. Erschreckt hat mich dabei eine Studie der kambodschanischen NGO ”Youth for Peace”, die darlegt, dass ein Großteil der kambodschanischen Jugendlichen kaum etwas über die Roten Khmer weiß und die gelegentlich erzählten Geschichten der Eltern und Großeltern über diese Zeit für Schauermärchen hält. Die Scham eines vermeintlich sanftmütigen Volkes, sich beinahe selbst ausgelöscht zu haben, sitzt sehr tief, die Verdrängungsmechanismen sind mächtig. In den aktuellen Schulbüchern finden sich gerade mal 2 Sätze über die Diktatur der Roten Khmer – kein Wort von Hunger, Terror und Tod. Das ist ein furchtbarer Fehler, wenn man verhindern möchte, dass die Geschichte sich wiederholt. Im Zuge des Projektes ”Village Dialogue” versucht die Jugendorganisation ”Youth for Peace” sowohl Opfer als auch Täter der Diktatur der Roten Khmer mit jungen Menschen in den Dörfern ins Gespräch zu bringen über die dunkelste Ära ihres Landes und ihre Erfahrungen mit der Schreckensherrschaft. Das ist eine sehr wertvolle sowie wichtige Arbeit, die ich fotografisch gerne begleiten würde. In Phnom Penh werde ich auf jeden Fall Kontakt zu dieser Organisation aufnehmen. Natürlich habe ich mich aber auch mit der kulturellen Blüte Kambodschas auseinandergesetzt und habe viel gelesen über die Ruinen in Angkor, Roluos, Banteay Srei und Preah Vihear, die ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurden. Sehr faszinierend fand ich, dass Kambodscha das erste Land Südostasiens war, in dem ein Naturschutzgebiet eingerichtet wurde. Das Land um die Tempelanlage von Angkor wurde 1925 zum Nationalpark erklärt. Darüber hinaus erfuhr ich, dass die Fauna in Kambodscha artenreich ist und ca. 630 geschützte Arten dort leben. Ich bin sehr gespannt, wie meine Zeit in Kambodscha sein wird.

Warst du schon mal dort, oder in einem anderen asiatischen Land?

Nein, in Kambodscha war ich noch nicht, aber ich bin bereits durch Malaysia, Vietnam und Japan gereist, außerdem war ich beruflich für einige Tage in Seoul und Taipeh.

Was erwartest du von Kambodscha, wie ist es da?

Ich habe gelesen, dass Kambodscha ein sehr junges Land ist, weil jede kambodschanische Familie in den Jahren der Diktatur der Roten Khmer Angehörige verloren hat. Läuft man also durch die Straßen der Hauptstadt Phnom Penh, so soll ein alter Mensch schon fast eine Ausnahmeerscheinung sein. Der durchschnittliche Kambodschaner ist heute knapp 22 Jahre alt. Das hat mich sehr geschockt. Darüber hinaus lasse ich mich überraschen, wie mein Aufenthalt in Kambodscha sein wird. Ich begegne einer fremden Kultur oder einem fremden Land generell nicht mit einer bestimmten Erwartungshaltung. Ich möchte mich komplett auf das Land einlassen, möchte seinen Menschen begegnen, seine Kultur erleben und mich auf eine Reise begeben.

Wow, Asien scheinst du gut zu kennen, und über Kambodscha hast du dich ja wirklich bereits sehr gut informiert. Du wirst dort ja in einem Waisenkinder-Projekt arbeiten, warum hast du dir dieses Projekt ausgesucht?

Als ich gelesen habe, dass in Kambodscha laut Unicef-Schätzungen ca. 670.000 Waisenkinder leben, war für mich klar, dass ich für die Dauer meines Aufenthaltes in Siem Reap den Alltag von Waisenkindern begleiten möchte, dass ich diesen Kindern ein Lächeln schenken möchte, meine Aufmerksamkeit und Liebe. Es ist unwahrscheinlich wichtig, die Kinder als schwächstes Glied der Gesellschaft zu schützen, sie zu umsorgen und zu betreuen, denn die Zukunft einer jeden Kultur sind die Kinder.

Was erwartest du von der Arbeit im Projekt?

Ich lasse mich überraschen, wie meine Arbeit in dem Waisenkinder-Projekt sein wird. Ich hoffe, dass ich viel Zeit mit den Kindern verbringen kann, ihnen ein bisschen Leichtigkeit schenken kann und fröhliche Momente bereiten kann. Da ich ein sehr empathischer Mensch bin, rechne ich damit, dass mich das Projekt emotional stark herausfordern wird. Es wird eine sehr wichtige Zeit für mich werden, emotional und dadurch persönlich, aber auch beruflich.

Denkst du, dass dich dieser Aufenthalt in Kambodscha verändern wird?

Ich denke schon, dass mich der Aufenthalt in Kambodscha verändern wird. Für drei Monate sich allem zu entsagen, Freunden, Familie, jeglicher Form der Zerstreuung, um sich Waisenkindern und ihren Sorgen in Kambodscha zu widmen, wird sehr interessant für mich werden – für meine Persönlichkeit, für meine Empathie, meine Willenskraft, für meinen beruflichen Fokus, für meine Überzeugung.

Und hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wie du den Job als Freiwilligenarbeit-Reporter angehen willst?

Ich habe schon ein paar Ideen im Kopf, muss diese aber den Gegebenheiten vor Ort anpassen. Ich möchte erst einige Zeit vor Ort sein, langsam Kontakt zu den Kindern aufbauen, sie kennenlernen, ihre Sprache lernen und ihr Vertrauen gewinnen. Erst dann kann ich schauen, welche Bildsprache überhaupt möglich ist, welche Zusammenarbeit den Kindern angenehm ist und wie ich eine sensible Distanz beim Fotografieren wahren kann. Das liegt mir sehr am Herzen. Gut kann ich mir vorstellen, dass die Fotografie in diesem Kontext gestaltungstherapeutisch eingesetzt werden könnte und die Kinder mitentscheiden, wie sie sich gerne präsentieren möchten, wie sie gerne wahrgenommen werden möchten. Aber das ist nur eine vage Idee von mir. Selbstverständlich würde die Ausarbeitung eines Bildkonzeptes in enger Zusammenarbeit mit den Betreuern vor Ort passieren. Aus meinen Erfahrungen heraus, die ich im Laufe verschiedener Projekte sammeln konnte, traue ich es mir zu, mit den Kindern sensibel zusammenzuarbeiten, zu merken, wo bei ihnen Interesse bzw. Neugier am Medium Fotografie vorhanden ist und wo es Hemmungen und Grenzen gibt, die zu respektieren sind. Als Fotografin bin ich mir durchaus der sozialen Verantwortung bewusst, die ich in dem Moment habe, in dem ich Menschen fotografiere. Meiner Meinung nach ist es daher immens wichtig, neben visuellen Fähigkeiten ausgeprägte soziale Kompetenzen aufzuweisen, um in der Lage zu sein, nicht nur für die Fotografien ein sensibles Interesse zu wecken, sondern besonders für die Geschichten dahinter. Wichtig ist es mir, die Aufmerksamkeit auf die Kinder zu richten, auf ihr Leben und ihre Sorgen.

Man merkt, dass du dich mit diesem Thema bzw. Hilfsprojekten generell schon sehr intensiv auseinandergesetzt hast…

Heutzutage kann es so leicht sein, sich dem Leiden anderer in der alltäglichen Zerstreuung, in der Diversität des Lebens zu entziehen. Dabei sollten wir unser Leben gelegentlich entschleunigen, uns kleine gedankliche Auszeiten nehmen, um darüber nachzudenken, wie es anderen Menschen auf der Welt geht, welche Verantwortung für ihr Leid wir unter Umständen mittragen und was jeder von uns dazu beitragen kann, um ihre Situation zu verbessern. Das Problem heutzutage ist, dass es bei Katastrophen stets um eine Linderung der ärgsten Not geht, aber schon lange nicht mehr um ein in Frage stellen der bestehenden Ordnung. Die Vorstellung von einer Welt, die zum Handeln motiviert und nicht nur zum Zuschauen einlädt, fehlt.

Was sollen die Leser des Blogs - auch in Bezug auf das, was du gerade gesagt hast - mitnehmen?

Was die Leser des Blogs aus meiner Arbeit, aus den Bildern sowie Geschichten aus Kambodscha ziehen werden, hängt davon ab, wer sie sind. Viele Leser werden vielleicht ihren Lebensstandard besser zu schätzen wissen, sich weniger beschweren über ihre ‘kleinen’ Sorgen. Manch einer wird sich vielleicht auch entschließen, sich sozial zu engagieren oder gar als freiwilliger Helfer ins Ausland zu gehen. Ich beantworte natürlich gern wenn möglich alle Fragen, die die Leser des Blogs an mich richten. Und ich freue mich auf Kommentare, Feedback und Teilnahme an meiner Arbeit in Kambodscha.

Steffi, wir freuen uns auf deinen Blog und wünschen die eine erlebnisreiche Zeit in Asien!

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